Roman

 

 

Wintersonnenwende

 

 

Ausschnitt aus dem zweiten Kapitel

 

Immer heftiger ging sein Atem. Victor lehnte sich gegen den Stein und nahm Louis auf den Arm, der klagend um seine Beine gestrichen war. Victor steckte die Nase in das Fell und sog den warmen Tiergeruch ein.
Ihm wurde bewusst, dass er nicht mehr ausweichen konnte, wusste aber nicht, wie er damit umgehen sollte, ohne dass er daran zerbrechen würde genau wie.... „Genau wie dieser Maler“, sagte er laut. 
Seine Nervosität wuchs täglich. Sein Innerstes spannte sich täglich mehr zwischen diesem irgendwie mechanischen Leben und dieser sonderbaren neuen Aufmerksamkeit. 
Da war etwas, das ihn verfolgte und das mächtig genug war auch ihn in den Wahnsinn zu treiben. Und da war etwas, das sich diesem Wahn entgegen stellte - und vor beidem fürchtete er sich... 
Was für ein Punkt war da in seinem Innersten berührt worden, von dem nun die Suggestion - die Suggestion? - ausging, da poche etwas radikal auf sein Lebensrecht und warum empfand er dieses Lebensrecht als Bedrohung, ja als Todesahnung? Er empfand es wie den genau kalkulierten Verlust seiner Persönlichkeit, die Zerstörung seines Talentes, ja seiner gesamten Existenz! Und als könnte er die Lösung für sein Problem nur in diesem Buch finden, setzte er Louis auf den Granitstein, zog das Buch aus der Tasche, suchte die betreffende Stelle und las: 

„Die Zeit rinnt mit einem leisen Geräusch über seine Finger, tropft hinunter auf den Boden, versickert. Und die Vergänglichkeit weicht aufseufzend ins welke Laub zurück.
Auf was für Boden steht er da, durchtränkt von Gleichzeitigkeit? Seine Hände auf dem Granitstein werden kalt. Er fährt mit steif gewordenen Fingern die in den Stein gehauenen Ziffern der Sonnenuhr nach.“


Victor machte es ebenso.

„Die Form der Zahlen gibt seinen starren Fingern das Gefühl zurück. Das Gefühl eines Augenblicks der von Zeit und Bedeutung frei war, vollkommen unabhängig und niemandem gehörend, außer dem, der handelt. Nur dem gibt er die Macht dieser absoluten Freiheit. 
Er wendet alle seine Aufmerksamkeit diesem Augenblick außerhalb von Raum und Zeit zu, diesem Augenblick zwischen Formel und Form: ein Empfinden zwischen Mensch und Gott?
Ist nicht das, das wahrhaft einzige, das ihn weder ängstigt noch unrecht tut, noch schmerzt? Ist das nicht das wahrhafte Vertrauen, das Nicht-mehr-allein-sein in der Einsamkeit, die ihn vorbereitet auf ein langsamer schreitendes Leben?

 

 

 

Es ist leider aus bestimmten Gründen nicht möglich, einen umfassenderen Ausschnitt vorzustellen.

Bitte haben Sie Verständnis.

 

 

© Elisabeth Bauer

 




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